Wie sehen motivierte Tramper aus?

Immer wenn bei der ersten Ampel die Autos losfahren, springen wir von unseren Rucksäcken auf und stecken den jetzt vor unserer Ampel stehenden Autos den Daumen entgegen. Nach ein paar Durchläufen kennen wir den Schaltrhythmus und wir stehen wieder zuversichtlich grinsend an der Ampel. Nur leider in der Ortsmitte, die meisten bleiben da. Signalisieren sie zumindest. Tut unserer Stimmung aber keinen Abbruch, wir sind glücklich. So stellen wir uns Reisen vor. Komplette Freiheit und Selbstbestimmung, ausgestattet für fast jeden Fall und auch zufrieden damit.
Nach ein paar Stunden hält ein junges Paar für uns an, Kunststudenten, die uns aus der Stadt raus nehmen. Ihr Ziel, ein Campingplatz an einem See klingt auch schön, wir wollen aber weiter, uns fortbewegen und endlich Berge sehen. Umarmung und Verabschiedung und wir stehen an einer nicht wirklich übersichtlichen, aber auch kaum befahrenen Kreuzung im Nichts. Ein Knoten der geraden Straßen, sonst die vertrauten Büsche und vereinzelt Ölpumpen. Ein Pick-Up-Truck hält an, wir schmeißen die Rucksäcke hinten drauf, setzen uns vorne rein und fahren eine schweigsame Stunde in den nächsten Ort.
Die Landschaft ist flach und nichtssagend, braun verweht bis zum Horizont, durch unsere Straße halbiert. Eine kleine Stadt, wir werden rausgelassen und spazieren bis zum Ortsausgang. Nichts ist los. Es ist Sonntag, aber wir bezweifeln, dass hier sonst mehr Leben ist. Alles wie ausgestorben. Die kleinen Imbissbuden am Straßenrand sehen nicht aus, als ob sie viel in Benutzung sind. Etwas verlassen stehen wir hinter einem großen Kreisel, einen leeren Parkplatz im Rücken.

Wie ausgestorben

Noch ein, zwei Stunden wollen wir trampen, dann ist der Tag vorbei. Mit einem Auge schauen wir schon nach einem möglichen Schlafplatz als überraschend ein Paar hält. Kurz sind wir uns unsicher, ob das Auto für uns hält. Die Frau steigt aus und räumt rum, winkt uns her. Beide zurechtgemacht und im blitzsauberen Auto hängt eine süßliche Parfümwolke. Etwas verloren sitzen wir auf der Rückbank, er sieht schweigsam und stur gerade aus, sie fängt an zu quatschen. Ein Hügel nach oben und wir sehen blaue Schatten am Horizont. Vor uns die Anden. In mehreren Schichten hinter gelb-braun, endlich, fast sind wir da.

Erste Ecken Berg. Professionell aus dem Autofenster

Wir verstehen uns gut, werden noch auf eine Dusche eingeladen und fahren mit ihnen nach Hause. Das Haus in einer entstehenden Neubausiedlung, selbst noch am Entstehen. Stolz wird uns gezeigt, wie das Haus zukünftig aussehen soll. Pedro fährt nochmal los und Elli serviert uns Pizza vom Vortag und selbstgebackenes Brot, hungrig machen wir uns darüber her. Die kolumbianische Soap im Hintergrund, anscheinend die beste. Pedro kommt zurück mit Unmengen süßer Teilchen. Blätterteig, Butter, Zucker, Pudding, Marmeladenteilchen mit bunten Streuseln. Abwechselnd hüpfen wir unter die Dusche, verstehen uns gut mit den beiden, finden Themen und fahren gemeinsam zu einem Campingplatz am Stadtrand.
Wir dürfen nicht bleiben, Auflage der Regierung. Tourismus und Reisen beschränken, Corona an der Ausbreitung hindern. Wir sind perplex, haben schon seit einer Woche kein Internet und davor war der Virus weit weg von uns. In Asien und Europa, auch von unserer Medienbubble noch als etwas schlimmer als Grippe bezeichnet. Also zurück zum Ortseingang, zu einer Tankstelle, wo wir unser Zelt aufschlagen können und mal wieder WLAN haben, die Möglichkeit, Nachrichten zu lesen. In Deutschland um die fünftausend Fälle, in Argentinien nicht mal fünfzig. Omnipräsent auf allen Bildschirmen im Restaurant, die Weinflasche zwischen uns. Nachrichten beantworten.
Uns geht es gut, eigentlich keine Einschränkungen. Macht Euch keine Sorgen.
Und die Absage von Freunden, der geplante Perubesuch im Sommer wird wahrscheinlich nichts. Der Tourismus soll komplett runtergefahren werden. Stimmung ist schlecht. Wir gehen schlafen, können nicht wirklich einschätzen, was das mit sich bringt. Am nächsten Morgen ausführlichere Nachrichten über die Situation in Deutschland, komisch und befremdlich. So weit weg von uns.

Unser Zelt neben der Tankstelle
Unser Frühstück

Etwas perplex verspeisen wir die restlichen süßen Teilchen, sitzen auf unseren Rucksäcken, betrachten die tankenden Autos und schweigen uns an. Wir wissen nichts mit uns anzufangen, können nicht einschätzen, wie weit Corona uns betrifft, wo wir hin sollen.
Eine ältere Frau spricht uns an, wir verstehen sie kaum. Eine Frau in unserem Alter kommt dazu, Kleinkind auf dem Arm und übersetzt spontan. Wo wir herkommen, wie lange wir schon hier sind, ob wir vom Virus gehört haben und ob wir auch ganz sicher gesund sind.
Alles gut, die ältere geht weiter und wir bleiben im Gespräch mit Ivana und bespaßen Noa. Sie hat auch keine Idee, fährt mit ihrem Mann aber in unsere Richtung und wir fahren erstmal zusammen zum Supermarkt. Riesige Einkaufswägen, beladen mit Klopapier und Konserven fahren an uns vorbei. Keine Ahnung, wie hier normalerweise eingekauft wird.
Wir verstehen uns gut, beide waren auch lange auf Reisen und trotzdem entscheiden wir uns für eine andere Richtung, nicht direkt zu den Bergen, ein kleiner Umweg für uns. Wir wollen doch nach San Martín de los Andes, mehr Chancen auf ein Projekt, was uns vielleicht aufnimmt und ein paar Grad wärmer als Villa Pehuenia, wo die Familie hinfährt. Am Fuß der Anden, Grenzregion zu Chile und maximal Null Grad in der Nacht.
Wieder stehen wir verloren an der Straße, halten den Daumen bei vorbeifahrenden Autos raus, ohne echte Hoffnung auf Mitfahrgelegenheit. Nach ein paar Stunden geben wir auf, das Zelt neben eine Gartenmauer, ein kleiner Blickschutz. Schlafen.
Keine Antwort auf die Fragen, was das alles zu bedeuten hat.

Trotz kalter Nächte müssen wir uns tagsüber noch gegen die brennende Sonne schützen.
Wir sind nicht die ersten Tramper hier.

Mit neuer Motivation kommen die Rucksäcke wieder auf den Rücken, wir wollen weiter. Irgendwo ankommen und dann ergibt sich schon was. Selbstsicher zurück an die Straße, Sonnencreme ins Gesicht und warten. Kein Auto in Sicht. Gerade als wir beschließen, doch noch zu frühstücken, erscheint eins in unserem Blickfeld, fährt vorbei und hält mit großem Abstand vor uns. Wie immer hastig alles zusammenraffen und zügig zu dem älteren Paar nach vorne. Wir werden mit Umarmung begrüßt und machen es uns auf der Rückbank so bequem wie möglich. Eineinhalb Sitze können wir uns zusammen frei schaufeln, den Rucksack auf den Schoß und ein bisschen Luft zum Atmen. Und dann ist die Landschaft plötzlich nicht mehr flach und die Straße fängt an sich zu schlängeln. Immer wieder aufgebrochene Berge, eingefallene Täler. Ein bisschen Marokko, nur viel weiter. Immer noch kein grün, dafür blaue Steine, die sich wie aufgemalt durch den Fels ziehen. Fasziniert starren wir aus dem Fenster, werden immer aufgeregter. Langsam fühlt es sich nach Patagonien an. Dem nördlichsten Rand Patagoniens, aber wir kommen in die Region, die wir so unbedingt sehen wollen. Ob wir es bis Ushuaia schaffen ist nicht klar, der Winter rückt uns immer näher oder wir zu ihm, aber zumindest die Anden, die als blaues Massiv immer größer werden, sind erreichbar.

Im Hintergrund schon deutlich zu erkennen.

In einem kleinen Ort an einer Tankstelle werden wir rausgelassen, endlich wieder durchatmen. Unsere Lungen füllen sich mit kühler, klarer Luft, Bergnähe. Neben uns ein stachliger Baum, Zweige wie Katzenschwänze, die sich Richtung Sonne räkeln, gegenüber eine Tankstelle. Endlich frühstücken und wieder Nachrichten lesen.
Schockblase.
Weltweite Reisewarnung.
Falls eine Reisewarnung für das Gebiet, in dem wir uns aufhalten, ausgerufen wird, müssen wir es verlassen, eine Region, in der sie bereits ausgerufen wurde, dürfen wir nicht bereisen. Zumindest wären wir dann nicht krankenversichert, steht so in unserem Vertrag. Erste Telefongespräche, keine Ahnung, keine Auskunft. Kein Plan.
Wir suchen nach einem Rückzugsort, Hotels und Hostels haben zu. Über AirBnB darf einen niemand aufnehmen, auf Couchsurfing bekommen wir keine Rückmeldung. Im Kopf schreit laut die Frage:

Was, wenn wir zurück müssen?

Was sollen wir in Deutschland?
Ein Land, was deutlich später als Argentinien reagiert, wo viel mehr Fälle sind. Natürlich auch Familie und Freunde, die wir nicht besuchen könnten. Und vor allem sind wir gerade nicht in Deutschland zuhause. Haben keine Wohnung, in die wir zurück kommen, keine Beschäftigung, die wir wieder aufnehmen. Unser Leben ist gerade auf Reisen ausgelegt, auch mit Problemen.
Es steht fest, wir werden alles tun, um da bleiben zu können. Wenn wir nicht weg müssen, werden wir hier einen Weg für uns finden.
Die Entscheidung fühlt sich für uns richtig an. Wir müssen uns nicht fortbewegen und wollen auf keinen Fall abbrechen. Die letzte Neuigkeit, die wir noch bekommen, bevor wir uns vom Tankstellen-WLAN aus dem Ort raus begeben, ist, dass Argentinien die Landesgrenzen schließt. Eine der ersten strikten Maßnahmen.

Ein Straßenhund leistet uns eine Weile lang Gesellschaft.
Wir sind unserem aktuellen Ziel schon sehr nah.

Ein Polizist hält uns an, kontrolliert unsere Pässe. Macht uns wenig Hoffnung, eine Mitfahrgelegenheit oder eine Unterkunft zu finden und lässt uns weiterziehen.
Stadtende und Daumen raus. Wir werden kaum beachtet, Scheuklappenblick. Es kommt kein Lächeln zurück, der europäische Reisende nicht mehr spannend, sondern Gefahr und wir mit den Gedanken zwanghaft bei der Sache, immer wieder schweifen sie ab.

Was, wenn wir zurück müssen?

Eine Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite bleibt stehen, lässt das Fenster runter. Um uns zu sagen, dass wir wahrscheinlich nicht mit genommen werden. Sabes Corona? Si, si. Gracias.
Fenster hoch und weiter.
Irgendwann hält ein Mann, es ist viel Zeit vergangen. Kurz wieder fast normal, dann stehen wir wirklich im Nichts. Vor uns eine gerade Straße, dann die Berge. Die Sonne ist schon hinter den Gipfeln verschwunden und wir stehen im Schatten, werden von den Autos, die auf unserer Seite vorbei fahren ignoriert.
Wir sitzen immer noch auf den Rucksäcken, springen auf, wenn sich ein Auto nähert. Jedes von ihnen fährt nach San Martín de los Andes, wo wir uns noch Hoffnung auf einen Platz machen.
Die Landschaft ist wunderschön, wir stehen kurz hinter einer Brücke, ein kleiner Bach schlängelt sich seinen Weg weg von den riesigen Gesteinsmassiven in flache Weite.
Eine Familie kommt von unserer Zielrichtung, wendet und fährt ein kleines Stück an uns vorbei. Bleibt stehen und ein Mädchen steigt aus, öffnet den Kofferraum und winkt uns zu.
Rucksäcke und uns verstaut, endlich wieder auf dem Weg. Die Familie ist wahnsinnig lieb, hat uns gesehen und konnte uns nicht stehen lassen, einmal zurück für uns.
Und endlich wieder grün, die Nadelbäume neben uns erheben sich immer weiter zu beiden Seiten, wir zwischen den Bergen. Nummern getauscht und noch ein aufbauendes Lächeln aus der Distanz. Wir sind wieder an einer Tankstelle, wollen schauen, ob uns jemand aufnehmen kann. Ob wir irgendeine Zusage bekommen haben. Enttäuschung, Nichts oder Absagen. Wir wissen nicht mehr weiter. Nichts ist zu fassen, kein Platz und kein Plan. Lachen und weinen zur selben Zeit, ein paar Blicke von Gästen des Tankstellen-Cafés.
Der Kaffee wird kalt und wir wissen immer noch nicht weiter. Hier dürfen wir unser Zelt nicht aufschlagen, das erste Mal, dass wir bei einer Tankstelle abgewiesen werden.
Ein bisschen durch den Ort irren, wir werden zu einem Campingplatz geschickt. Geschlossen.
Die Rucksäcke sind schwer, wir leer und energielos. Ein Mann, der Empanadas verkauft, schickt uns an den anderen Ortsrand, angeblich gibt es da einen offenen Campingplatz. Die Sonne nicht mal hinter den Bergen zu erahnen und eine Kälte, die vom hier schon angekommenen Herbst spricht.

Um uns Berg

Hier müsste der Platz sein, tatsächlich Licht in der kleinen Holzhütte mit dem Reception-Schild.
Ein Mann lächelt uns an, spricht fließend Englisch. Natürlich können wir hier bleiben. Kommt erstmal an, der Papierkram hat Zeit.
Das Zelt steht schnell, ein paar andere Gäste an zusammengebauten Tischen vor ihren Zelten. Ein Lagerfeuer brennt. Wir holen uns Empanadas und ein Bier, bleiben für uns und probieren uns mit einem Wird schon aufzubauen. Mit allen Schichten in den Schlafsack, Kälte und Nässe zieht sich über die Wiese.
Am nächsten Morgen früh und verfroren aus dem Zelt, ein Tisch in die ersten Sonnenstrahlen schieben und die dampfende Wiese um einen beobachten. Vögel mit langen, gebogenen Schnäbeln durchsuchen lärmend das taunasse Grün. Greifvögel ziehen schreiend über uns hinweg, der Himmel eisig und blass. Und vor uns, und neben uns, um uns herum Berge. Durchatmen und staunen, wir wollen hier nicht weg.
Die nächsten zwei Tage dominiert vom Telefonieren. Deutsche Botschaft und Versicherung, keiner kann uns Informationen geben. Wir schreiben E-Mails, lassen uns jede Aussage bestätigen, auch wenn es immer die gleiche ist: Falls wir den Vertrag nicht ändern, müsst ihr schnellstmöglich zurück, zumindest sobald ihr könnt, oder ihr seid nicht versichert. Wir hoffen weiter und warten. Der Fernbusverkehr wird eingestellt, für uns keine schlechte Nachricht, wir können nicht weg und das wollen wir auch nicht.
Viele Gespräche mit Freunden und Familie. Es erleichtert uns, dass die allermeisten unsere Entscheidung, nicht zurück zu kommen, unterstützen, die Lage ähnlich sehen wie wir und einem Hoffnung geben.
Doch am Abend immer das gleiche, nüchterne Ergebnis. Wir wissen nichts und auch sonst niemand.

Was, wenn wir zurück müssen?

Die Nächte werden kälter, unter null Grad und die Campingplatzbetreiber bieten uns zusätzliche Decken an. Minus eins ist das Limit, was wir mit unserer jetzigen Ausrüstung schaffen. Der Plan war, sich bei Bedarf weiter auszustatten, doch alle nicht relevanten Geschäfte, also eigentlich alles außer Supermärkte, muss schließen.

Vogeltier

In Argentinien knapp hundert Fälle und dann, abends in einem kleinen Empanada-Laden, die Öfen strahlen eine enorme Hitze aus, unsere Jacken hängen an der Bar und wir warten auf die hausgemachten Teigtaschen, die Mutter mit mehligen Händen, die sie an der Schürze abwischt und ihr Sohn, der mit uns ein paar Brocken englisch spricht, wir alle schauen auf den Fernseher. Quarantäne. Ab Mitternacht darf man nur noch zum Einkaufen raus, erstmal für zwei Wochen. Ein Zeitpuffer für uns, in der wir auf eine Entscheidung der Versicherung warten. Eine Nachricht, die in rotem Banner unter Bildern von überall, von Menschen in Schutzanzügen und mit Fiebermessgeräten, immer wieder vorbei läuft. Cuarentena. Quarantäne.
Wir nicken uns zu, packen uns wieder in die Jacken ein und gehen zurück in die nächtliche Kälte. Zurück zum Campingplatz, die Stimmung komisch und nicht greifbar, die Nachricht allen klar und die Lage niemandem.
Um 23:00 fahren wir zu Max und Erica nach Hause, hier können wir ein Zimmer für die Quarantäne, für die nächsten zwei Wochen mieten. Mit uns ein Mann aus Korea, auch gestrandet, auch mit dem Zelt unterwegs, seit viereinhalb Jahren auf dem Fahrrad und jetzt auf dem Dachboden.
Nach Mitternacht noch ein Happy Birthday in vier Sprachen für Max. Ein komischer Geburtstag am nächsten Tag, zusammen ungläubig im Haus. Natürlich mit Asado. Und wir kommen endlich mal wieder durch am Telefon, endlich eine Stimme und nicht eine automatische Entschuldigung nach nervenraubender Warteschleifenmusik, dass man überbelastet sei. Dem automatischen Rauswurf nach inzwischen nur noch ein paar Sekunden Hoffnung auf einen Gesprächspartner. Keine automatische E-Mail, dass man sich gerade nicht um einen kümmern könnte. Das Telefon wird abgehoben.
Habt ihr denn kein Instagram? Da haben wir es schon veröffentlicht: Ihr könnt bleiben, die Versicherung greift!
Diesmal Freudentränen.