Blick vom Dach unseres Hosts

Über Rio zu schreiben ist wahnsinnig schwierig, es ist keine überschaubare Stadt, mit einem Stadtviertel, vielleicht noch einem Univiertel mit etwas mehr Subkultur. Rio erstreckt sich nicht von einem Mittelpunkt, nicht mal auf einer Fläche. Von überall sieht man im Hintergrund grüne Hügelkuppen, die einzelnen Stadtviertel in den Tälern dazwischen. Man bekommt in ein paar Tagen kaum ein Gefühl für die Stadt und obwohl wir insgesamt eine Woche da waren, haben wir nur einen minimalen Bruchteil kennengelernt.

Grün von Überall

Wir besuchen Städte meist zu Fuß, spazieren am liebsten in eine Richtung und lassen uns von kleinen, zusammengeschusterten Gassen, belebten Straßen, weitläufigen Märkten und improvisierten Straßenständen überraschen. Versacken dann abends, manchmal eher nachmittags in Bars und probieren möglichst viel verschiedenes Essen.
Unser Rio-Besuch war anders. In Deutschland ist man keine so großen Städte gewohnt, zumindest nicht in München. Klar, in Berlin oder Hamburg fahren wir auch zu einem gewissen Punkt und entdecken von da mehr und mehr die unterschiedlichen Ecken und Gesichter der Stadt, in Rio kann man sich maximal ein Viertel vornehmen, da jedes Stadtviertel mal eine eigene Stadt war, die mit der Zeit zusammengewachsen sind. Wurde uns so zumindest erklärt.
Und zum anderen sind wir einfach ziemlich k.o. Das Festival war anstrengend, das Trampen auch, vor allem krank. Die letzte Nacht waren knapp vier Stunden Schlaf, also ist unser erster Tag vor allem im Zimmer bei unserem Couchsurfing-Host. Seit dem Kreuzfahrtschiff vor eineinhalb Monaten das erste Mal wieder in einem Bett, seit Barcelona erstmals wieder eine Waschmaschine.

Blütenbaum

Abends gehen wir dann nochmal raus, spazieren ein bisschen durch die direkte Nachbarschaft, ruhige Wohngegend, und landen in einer Bar mit wahnsinnig gutem Essen, die in der einen Woche zu unserer Stammkneipe wird. Eines der Sachen, die wir auf Reisen doch schon sehr vermissen.

Tagebuchschreibend in der Stadt
Sandstrände und Hochhaustürme

Die bekannten Strände von Ipanema und Copacabana besuchen wir ganz kurz, eher um mal wieder einen Blick auf das Meer werfen zu können als der Strände wegen. Sie sind ziemlich genau dem Klischee entsprechend, das wir in unseren Köpfen hatten. Sehr knappe Bademode, viel Körpershow, viele Strandverkäufer, wahnsinnig viele Menschen. Man hat keinen Platz, keine Ruhe. Alles schreit, um Meerestosen zu übertönen. Die sechsspurige Einbahnstraße, die keine Besonderheit ist in Brasilien, ist halb gesperrt. Frei für Fußgänger, und so verteilt sich die Menschenmasse von den Stränden und Liegeflächen auf die Promenade.
Kalte Kokosnüsse, frittierte Taschen, gegrillte Spieße. Agua gelada und andere, eiskalte Getränke. Dosenbier. Alles, was überall und immer verkauft wird, gibt es natürlich auch hier. Neben den Essensständen auch Sonnenhüte, Feuerzeuge, ab und zu Kunst, viel öfter Plastiksouvenirs. Nur ist alles wahnsinnig teuer. Für uns ist es vollkommen ausreichend ein paar Minuten auf der autofreien Fahrbahn zu spazieren, eine Frau rennt schreiend einem Fahrrad hinterher. Wir verstehen zwar nicht, was sie ruft, es sieht so aus als ob ihr Handy Besitzer gewechselt hat.

Die Statue aus sehr weiter Ferne

Von diesen Touristenorten werden sicher die ganzen Warnungen kommen, wie unsicher Rio ist.
Wir nehmen die Stadt anders wahr. Klar, in unserem Rucksack befindet sich auch nichts, für das sich ein Diebstahl lohnen würde. Tagebücher und für nachts dünne Tücher, eine Flasche Wasser. Im Bauchbeutel sind noch Handy und Kreditkarte dabei, etwas Bargeld, auch wenn man es in Brasilien kaum verwendet. Selbst ein kleiner, fahrbarer Imbissbudenverschlag, bestehend aus einer Kühltruhe und zwei Fritteusen, ein paar Lebensmitteln und Plastiktischen, an denen die Plastiktischdecke klebt, an denen die Getränkedosen haften bleiben, werden die 80ct mit Karte bezahlt. Und sogar die zwei Euro, die man für drei Getränkedosen, also meistens Bier, in den Ausgehvierteln nachts bezahlt, müssen nicht zwingend bar bezahlt werden. Ungewohnt, praktisch, wenn die Banken wahnsinnig hohe Gebühren beim Geldabheben verlangen.
Trotzdem, wir fühlen uns zu keinem Zeitpunkt unsicher.
Es hilft wahrscheinlich, dass wir uns schon ein bisschen vertraut fühlen mit Brasilien, wenig Interesse haben, die Sehenswürdigkeiten wie die riesige Jesusstatue von nahem anzuschauen und uns mit hunderten von anderen Menschen auf der Suche nach einem guten Platz für Fotos zusammengedrängt auf einer Plattform zu stehen. Wir gehen schon mit einer gewissen Naivität auf Menschen zu, selbstverständlich. Anders könnten wir nicht reisen. Wenn sich auch nur ein Bruchteil der Gefahren bewahrheitet hätte für uns, vor denen wir von allen möglichen Seiten gewarnt wurden, wir könnten die Reise so nicht machen. Natürlich müssen wir nichts provozieren und wir begeben uns nicht absichtlich in Gefahr, aber wir wollen auch nachts durch vollgesprayte Gassen laufen und nicht zusammen zucken und den Rucksack fest umklammern, falls wir von einem Brasilianer nach dem Weg gefragt werden.

Blick auf eine der Favelas von unserem Haus

Die Stadt ist zu groß, um sie zu fassen und für uns entschlüsselt sie sich zu wenig. Aber wir landen fast jeden Tag irgendwann in Lapa oder Santa Teresa. Zwei Viertel, die ineinander übergehen und beides junge Ausgehviertel sind. Als wir uns am ersten ganzen Tag abends in Richtung Lapa machen, ein Barrio, wovon uns mit ‚disgusting, it‘s full of graffiti. Everywhere are homeless and drunk people‘ abgeraten wird. Klingt aber ziemlich genau nach dem Rio, das wir suchen. Und so steigen wir aus der U-Bahn, schlendern noch an letzten Ständen eines Straßenfestes vorbei und gehen dann, mit Bier in der Hand, die schmale, von einer steilen Felswand auf der einen und Hausfassaden auf der andern Seite umrandeten, Gasse in die Richtung, in der wir das Zentrum von Lapa vermuten. Doch erstmal wird es wieder ruhiger, es scheint mehr Wohngegend zu sein, wenn auch in schönen, alten, krummen Häuschen, die sich alle gegenseitig zu stützen scheinen. Doch plötzlich hören wir Musik, laufen das letzte Stück der steilen Straße nach oben und sehen auf einem kleinen, runden Platz, der sich auf drei Ebenen an seine Hanglage angepasst hat und an einer Seite einen unfassbar schönen Ausblick über die Stadt bietet. Auf den Steinbänken, den alten Mäuerchen und auf Treppenstufen sitzen Menschen aller Altersstufen, an langen Klapptischen mindestens zehn Musiker mit ihren Instrumenten, in der Mitte von vielen, ausgelassen tanzenden Menschen. Manche für sich, in kleinen Gruppen oder als Paar Samba tanzend. Alle mit breitem Grinsen im Gesicht, bei ein paar Liedern lauthals mit einstimmend. Unter einem Pavillon wird Bier verkauft, am Straßenrand stehen noch einige mit den Styroporboxen, in denen verschiede Dosen zwischen Eisblöcken zum Verkauf liegen.
Grinsend begeben wir uns unter die Menschen, immer mehr Leute kommen dazu, Instrumente unterm Arm, Bier in der Hand. Das vollgesprayte Haus im Hintergrund. Hier fühlen wir uns wohl und uns bestätigt sich ein Rio-Bild von offenen, lebenslustigen Menschen.

Alles vollgesprayt

Tagsüber spazieren wir meist planlos durch die Hochhausschlucht, fühlen uns aber nicht ganz verloren, die Straßen sind breit in den gitternetzgeplanten Stadtteilen und immer wieder stehen riesige, mit Schling- und Hängepflanzen bewucherte Urwaldbäume an Kreuzungen. Wir haben auch wahnsinnig Glück mit dem Wetter, wäre die Kältefront nicht gerade über Rio, es wären gut 40°C, so sind es angenehme 25°C und wir können den ganzen Tag mit etwas bewölktem Himmel durch die Stadt spazieren, endlich wieder Fisch essen und Neues entdecken.

Aber nach einer Woche packen wir unsere Rucksäcke und machen uns, diesmal mit einer Mitfahrgelegenheit, da es unfassbar schwierig sein soll aus so großen Städten raus zukommen und in Strömen schüttet, auf nach São Paulo, ach, São Paulo…