Nach zwei Wochen Urlaub in Lebon Régis schultern wir unsere Rucksäcke, verpacken die Lebensmittel und machen uns so mit einer Tasche mehr auf den Weg. Unser Host fährt uns noch eine Stadt weiter und dann geht es für uns los.

Reife Erdbeeren direkt vom Feld
Perlhühnergang läuft vor uns davon
Nur Klara traut sich in den Fischteich
David mit viel Hundegetier
Bissige Welpen
So dauert es lange, einen Artikel zu schreiben
Märchenwald direkt vor der Tür

Hier sieht es aus wie im Allgäu im Sommer. Grün, fruchtbar und gerade ist Zeit für die Apfelernte. Plakate, die für die Biermarken Zillertal, Holzbier und Eisenbahn werben, am Straßenrand platziert. Gründungsväter der kleinen Städte mit deutschen Nachnamen, die wir vorlesen und so die Angestellten des Kulturhauses Fraiburgo sehr zum Lachen bringen. Wir bekommen auch Gedichtsbücher in altdeutscher Schrift zu lesen und finden im Gründerhaus des kleinen Ortes auch eine Münchner-Kindl-Puppe.

Alles grün voll Pinien

In Santa Catarina, einem südlichen Bundesstaat Brasiliens, gab es viele deutsche und italienische Kolonien, Städtenamen, wie Blumenau oder Novo Hamburgo erinnern noch an die Zeit und immer wieder entdeckt man Fachwerkhäuschen in den kleinen Dörfern. Wie viele davon aber original sind oder für deutsche Touristen nachgebaut wurden, die etwas Variation von Heimatkultur verspüren wollen, wissen wir nicht. Wirklich viele Städte sehen wir in Santa Catarina nicht, wir hatten nur nach einem Ort gesucht, in dem wir günstig eine Wohnung mieten können und zwei Wochen lang uns sammeln und strukturieren können. Wir sind seit sechs Monaten unterwegs und haben uns langsam eingelebt, finden immer mehr Alltagsrhythmus im Reisen und Möglichkeiten, private Rückzugsräume zu schaffen, auch wenn wir keine Wohnungstür haben.

Warten auf den ersten Lift

Das erste Auto hält recht schnell, nimmt uns ein bisschen die Straße runter und von da kommen wir mit einem älteren Paar, die gerade vom Markt kommen, zu einer großen Kreuzung. Wir werden noch mit Trauben ausgestattet und sitzen auf unseren Rucksäcken, von Mücken belagert am Straßenrand. Es dauert und hätten wir mehr Wasser dabei, würden wir wahrscheinlich schon hier unser Lager aufschlagen. So sitzen wir noch weiter und halten bei allen vorbeifahrenden Autos den Daumen raus. Und dann hält, Lichthupe gebend, ein LKW am Standstreifen. Wir raffen unser Zeug auf und auch wenn wir nicht ganz genau verstehen, wo Pepe hinfährt, machen wir es uns schnell bequem in der sehr geräumigen Fahrerkabine. Diesmal gibt es nur einen Sitz für den Fahrer, dafür ein sehr breites, langes Bett, auf dem wir uns gemütlich mit den Rucksäcken verstauen können.

Und so sieht es drinnen aus

Wir kommen mit ihm ein ganzes Stück weiter, als wir als Tagesziel erwartet hätten und kommen nach Sonnenuntergang und vielen Gesprächen mit immer mehr portugiesisch an einer Tankstelle an. Immer wenn wir LKW fahren, kommen wir in eine, bis vor der Reise vollkommen unbekannte, Bubble. Wir werden mit zu den Tankstellenangestellten genommen, die uns kostenlos duschen lassen, weil… ja, wissen wir nicht wirklich. Wahrscheinlich, weil unser portugiesisch witzig klingt und wir aus Deutschland sind. Hoffentlich nicht, weil uns niemand ohne Dusche erträgt.
Tut auf jeden Fall gut und zurück am Fahrzeug zieht Pepe einen Klappstuhl zwischen Ladefläche und Plane hervor und klappt einen, unten an der Ladefläche zwischen den Rädern montierten, Kasten auf. Der große ist die Küche.
Teller, Besteck, Tassen, Gläser, Vorratsboxen mit Nudeln, Reis und Bohnen. Gewürze, Zucker, Salz, Eier und Gemüse.
Ein Kocher ist auch vorhanden und wird auf einem kleinen Tischlein mit der Gasflasche, die außen neben dem Kasten montiert ist, verbunden. Der Wasserkanister ist ein paar Meter näher an der Fahrerkabine montiert. Und bald kauft er sich einen Kühlschrank, der ist mit sechshundert Euro recht teuer, aber ab nächster Woche will er einen haben. Ab dem Abend und vor allem am nächsten Tag sehen wir bewusst immer wieder Trucker, die an ihren kleinen Küchenkästen kochen, mit Stuhl und ab und zu einem Tischchen im Schatten unter dem Fahrzeug essen. An verschiedensten Spülvorrichtungen den Abwasch machen und einen bunten Mix an Lebensmitteln dabei haben. Und wir dürfen bei der Ladung schlafen. Pressspanplatten, die am nächsten Tag abgegeben werden sollen. Es riecht nach Holz, wir dürften auch auf der Ladung schlafen, haben aber Angst runter zu fallen und machen unser Isomattenlager zwischen der riesigen Tür und den ersten Paletten breit. Am nächsten Morgen steigen wir wieder vorne ein und fahren die paar Minuten zu der beeindruckend großen Lagerhalle. Und dann warten wir.

Blick aus dem LKW

Es sind sechs Laster vor uns und wir rechnen optimistisch mit drei bis vier Stunden. Gut, wir haben weder Ahnung von LKW Be- und Entladung, können nicht einschätzen, wie schnell und effektiv hier gearbeitet wird, aber unsere Zeitüberlegung war sehr, sehr optimistisch.
Pepe gibt irgendwelche Dokumente ab, er erklärt es und wir nicken. Irgendwas mit der Ladung und wir bereiten, diesmal auf unserem geliebten Kocher, Kaffee zu. Ohne Zucker. Was, mit unserem Kocher zusammen, dazu führt, dass wir den anderen wartenden Truckern unter viel Belustigung und Staunen, eher über den handlichen Kocher als über uns, gezeigt werden. Drei davon sind auch die ersten Stunden bei uns, probieren mit uns Gespräche zu führen, was mal mehr mal weniger, mais o menos, klappt. Wir teilen Zimtschnecken, die wir ein paar Tage davor gebacken haben und bekommen alle Geschichten mit schönster schauspielerischen Begleitung. Ein Trucker kommt irgendwann auch aus seinem Verschlag gekrochen, um sich mit uns zu unterhalten. Er spreche Deutsch und wir erwarten das klassische: Alles klar? Wie geht es Ihnen? und Ich liebe dich. Wir fragen langsam und deutlich, wo er denn Deutsch gelernt hat und bekommen ein wunderschönes Daheme zurück. Seine Familie ist vor circa hundert Jahren nach Brasilien gekommen, zuhause wird noch deutsch gesprochen, vor allem aber mit den Großeltern und immer seltener.
Irgendwann gehen die Fahrer wieder zurück in ihre Kabinen und wir sitzen mit Pepe im Schatten, er in seinem Klappstuhl, wir vor seinen Füßen.
Und warten. Um sieben waren wir vor Ort, das ist gut drei Stunden her und es bewegt sich nichts. Zwei LKW stehen halb in der Halle, werden gerade entladen und vor uns sind immer noch vier Wägen. Immer wieder überlegen wir, ob es nicht vielleicht doch klüger wäre, an die Tankstelle zurück zu gehen, die Fahrzeuge, die als nächstes starten, können uns nicht mitnehmen, und bis Pepe fährt sind es sicher noch vier Stunden.
Es kommt ein weiterer LKW dazu, inzwischen steht die Sonne im Zenit und wer nicht gerade in der Kabine döst, hat es sich zwischen den Reifen bequem gemacht und schickt sich auf Whatsapp mit anderen Truckern, die gerade auf der Straße sind, Sprachnachrichten. Wir bekommen das Handy von Pepe immer wieder hingehalten, er hat einen Freund, zumindest jemanden aus einer gemeinsamen Whatsappgruppe, in der viel zusammen gebetet wird, der deutsch spricht. Kommt eigentlich aus Portugal, macht Fernfahrten in Europa und lebt seit kurzem in Deutschland.

Wir reden über das Wetter, über Essen und unsere Reise. Es passiert häufig, dass uns ein Handy in die Hand gedrückt wird, weil irgendwer irgendwen kennt, der deutsch spricht.
Der Fahrer des neuen LKW kocht, seine Küchenkästen sind gut ausgestattet und wird werden sofort eingeladen, sind aber nicht allzu hungrig vom sitzend Warten. Wir wollen wissen, wo er hin muss. Vielleicht kommen wir mit ihm weiter als die hundert Kilometer, die unser Fahrer uns mitnehmen kann. Und tatsächlich, Marcio fährt doppelt so weit. Pepe steht inzwischen auch bei uns, freut sich, dass wir heute noch weiter kommen und fachsimpelt sofort über den kleinen Kühlschrank, mit dem Marcios Fahrzeug ausgestattet ist. Die Türen bei der Halle sind inzwischen verschlossen, Mittagspause. Nach den zwei LKW wurde zugemacht und wir wissen nicht, wie lange es sich noch zieht. Ein Fenster geht auf und unser zukünftiger Fahrer wird hergerufen. Wir können es kaum glauben, er spült ab und wir können los. Er muss nur Dokumente abgeben oder abholen oder ausfüllen.
Pepe bleibt zurück, wie lange er noch wartet, wissen wir nicht und trauen uns auch keine Schätzung mehr zu machen. Wir können los, nach insgesamt sechs Stunden. Was Marcio überrascht und auch dazu führt, dass er stolz sehr schnell fährt. Er darf anscheinend schneller als Pepe fahren, weil er selbständig ist.

Überall Soja

Wir können auf portugiesisch schon langsame LKW beleidigen, Sai da frente, tartaruga!, er ist keiner davon. Mit gut hundert km/h rasen wir auf der Straße lang, weichen ab und zu einem Schlagloch aus und bekommen immer wieder Patagonienbilder auf dem Handy rausgesucht, Sekunden, in denen er kein Blickkontakt auf den Verkehr hat und bei uns immer wieder kurze Panikschübe auslöst.
Er ist auf dem Weg nach Chile, ist viel unterwegs in Südamerikas Süden und die Fotos wecken noch mehr Reiselust nach dem südlichsten Zipfel. Als ein Vogel der Windschutzscheibe nicht ausweichen kann, lacht er, kennt er und wir erschrecken uns wahnsinnig. Der Straßenrand ist gesäumt von toten Hunden, Rehen und anderen Tieren in unterschiedlichstem Verwesungszustand, dazwischen immer wieder geplatzte Reifen. Wir sehen unseren ersten Waschbären in freier Wildbahn. Tot, aber man erkennt ihn deutlich. Das Aas wird von Urubus verspeist und ein Meter lange Echsentiere suchen nach Müll am Straßenrand. Und die Tiere sind gerade das abwechslungsreichste, denn die Landschaft besteht aus Soja.

Soja links und rechts

Seit einem Tag hat sich die vertraut wirkende Landschaft in Sojafelder verwandelt. Die Gegend besteht aus leichten Hügeln, man kann vom erhöhten LKW ewig in die Ferne gucken. Sojapflanzen sind saftig grün, kniehoch und bewegen sich sanft mit jedem Windstoß. Es sieht absolut natürlich aus, zwischen einzelnen Feldern stehen ab und zu ein paar niedrige Bäume oder Sträucher, es könnten saftig, weite grüne Wiesen ein.
Es sind aber unnatürlich dominierende Monokulturen, genverändert und vor allem als Rinderfutter angebaut. Die Bepflanzung zieht sich bis Uruguay und wir müssen uns immer wieder erinnern, wie gruselig es ist, eine Pflanze über einen solchen Zeitraum, eine solche Distanz zu sehen. Was auf GoogleMaps nach verschiedenen Feldern aussieht, ist alles Soja zu unterschiedlichen Zeitpunkten, frisch abgeerntet braun oder in vollstem grün. Ganz selten lockert ein Feld Mais das Landschaftsbild auf.
Ein kräftiger Ruck am Lenkrad reißt uns aus der Landschaftsbetrachtung, beinahe wären wir im Straßengraben gelandet und sind wieder voll konzentriert auf die Straße. Als wir ankommen, beschließen wir unseren Tramptag zu beenden, das Zelt können wir hinter der Tankstelle unter Bäumen aufstellen, ein Lassie-ähnlicher Tankstellenhund verbringt den Abend aufdringlich angekuschelt bei uns und kläfft seine Artgenossen an, mit denen er sich normalerweise die Freifläche teilt. Jetzt verteidigt er sie für uns. Zelt aufbauen und kochen, essen und schlafen.

David baut unseren Schalfplatz auf

Wir wachen auf, ein kleiner Regenschauer führt dazu, dass wir unser Zelt nass einpacken, gerade noch rechtzeitig vor sintflutartigen Regenfäden, die wir dann unter dem Tankstellendach raus beobachten und so nur die paar Leute ansprechen können, die zu uns vorfahren. Der Regen verzieht sich schnell wieder und es trocknet dampfend. Wir kommen mit Orlando ins Gespräch, er spricht fließend deutsch, auch wieder Nachfahre eine Familie der Kolonialzeit. Er bleibt zwar im Ort, nimmt uns aber ein kleines Stück mit, hinter eine Kreuzung und wir stehen an der richtigen, großen Straße.
Wir kommen recht schnell einen Ort weiter und fahren dann mit einem kleinen Laster, verpflegt mit Schokoladenwaffeln und kaltem Getränk zu einer Tankstelle, wo wir mit zwei Männern und witzigem Englisch-Portugiesisch-Kauderwelsch mitfahren. Wir bekommen ein Ufomuseum am Straßenrand gezeigt, vor allem lachen wir aber über unsere, etwa gleich hohen Portugiesisch- und Englisch-Fähigkeiten.
Von der Tankstelle aus fahren wir zum Ortsausgang, verknüpft mit der Entscheidung, die weiter entferntere, aber mehr befahrene Straße zu nehmen oder die nähere, ruhigere. Wir wählen die zweite Option, und ja, es ist ruhiger.

Trotzdem nimmt uns Abends überraschend noch ein junges Paar mit, versichert sich halb im Scherz, ob es sich bei uns um Mörder handelt. Mit ihnen kommen wir noch bis kurz vor die Grenze, fünfzig Kilometer fehlen. Wir lassen uns bei einer Tankstelle hinter dem Ort raus werfen, auf der Karte sah es größer und belebter aus. Es ist alles geschlossen, sieben bis neunzehn Uhr offen. Ein Wasserhahn ist außen befestigt und wir kochen, von Mücken umlagert und mit einem toten, mit verschiedenstem Vogelgetier bestückten Baum auf der Kuhweide im Hintergrund

Toter Baum
Vogeltiere
Schlafplatz im Containerschatten

Am nächsten Morgen ist ein Tankstellenmitarbeiter da, trinkt Mate im Schatten und ist erstmal der einzige Mensch, den wir zu Gesicht bekommen. Die Sonne kommt wahnsinnig schnell und heiß. Wir verbrennen auch in dem wenigen Schatten, den wir unter den niedrigen Palmensträuchern finden und sind erleichtert, als Wolken aufziehen und zumindest vormittags Schatten spenden.
Wir warten.
Es kommt sehr selten ein Auto, noch viel seltener ein LKW und wir werden zum Großteil ignoriert und nicht mitgenommen. Die Sonne wird immer intensiver und wir ziehen mit unseren Rucksäcken um, weg von der Straße, unter zwei große Bäume neben der Tankstelle. Von da sehen wir die kommenden Autos noch lang genug, um aufzuspringen und eilig, erhobenen Daumens an den Straßenrand zu eilen.

Kein Auto für uns

Sonst sitzen und dösen wir im Schatten, hören Podcast und füllen ab und zu unsere Wasserflaschen auf. Schichtwechsel in der Tankstelle, wir sind immer noch da.
Es zieht sich, ein Auto hält irgendwann, um zumindest mal zu fragen, wo wir hinwollen und Hilfe anzubieten. Nur Platz für zwei hat es leider nicht, weil schon ein anderer Tramper drinnen sitzt.
Wir stehen und am späten Nachmittag kommen wir dann doch noch ein paar Kilometer, aber immerhin ein Drittel der Strecke bis zur Grenze, weiter.
Und unser Platz ist besser, ein Baum am Straßenrand. Also ein Schattenplatz ohne panisch rennen zu müssen, wenn ein Auto im Sichtfeld erscheint. Wir sind entspannt, haben genug zu essen und unsere Wasserflaschen sind voll, zu Not steht schräg hinter uns ein bewohntes Farmhaus.

David wartet
Voll Hoffnung

Ein Auto mit zwei Frauen fährt vorbei und wir richten unseren Blick schon wieder in die Ferne, als es doch hält und ein paar Meter rückwärts zu uns zurück fährt und beide anfangen, die Rückbank frei zu räumen. Glücklich steigen wir in das Auto, werden sofort Teil einer Instagramstory, in der wir verschwitzt von der Rückbank grinsen und werden mit Reggaemusik und den letzten Tropfen Sprit nach Aceguá zu dem uruguayanischen Grenzposten gebracht. Das könnte jetzt ein modernes Gebäude mit strengen Grenzpolizisten sein, es ist aber ein weißgrauer Schuhkarton mit einer Grenzbeamtin, ihre Häkelnadel und das Wollknäuel liegen auf dem Ohrensessel, ausgerichtet zum Röhrenfernseher und dieser wohnzimmerähnliche Raum ist mit einem Gitter zu dem kleinen Wartebereich abgetrennt. Warten müssen wir nicht, die Pässe sind schon bei ihr, als uns einfällt, dass wir wahrscheinlich erst einen Ausreisestempel für Brasilien brauchen. Unsere Rucksäcke können wir bei ihr in den kleinen Raum stellen und laufen gepäcklos zurück nach Brasilien. Beide Stempel bekommen wir problemlos und sind dann, etwas planlos, in Uruguay.

Da ist Uruguay!