Häuserschlucht in der Altstadt

In Barcelona waren wir zwei Wochen mit Workaway bei einer Familie, haben mit den Kindern gespielt, gekocht, den Alltag miterlebt. Und hatten auch genug Zeit, durch die Stadt zu spazieren, uns alles anzugucken, mal ein Bierchen trinken zu gehen.
Und in unseren zwei Wochen ‘Winter’ (10-15°C) die wir haben, holen wir beide uns eine Erkältung und liegen ein paar Tage flach. Umso größer die Vorfreude auf Brasilien und 30°C.
Aber erstmal müssen wir dahin, und zwar über den Atlantik.

Ein paar Stunden begleiten und Vögel

Wir reisen ohne Flugzeug. Zum einen, und das ist der Hauptgrund, weil wir den Weg wirklich erleben wollen. Wir wollen ein Verständnis für die Menschen im Land bekommen. Nicht nur Orte besichtigen, die als ‘sehenswert’ bekannt sind, sondern uns auf ein Land, eine Region einlassen. Überall Menschen treffen, Begegnungen machen, die uns sonst vielleicht verwehrt bleiben. Beeindruckende Plätze endecken und die Änderung in der Landschaft bemerken. Man plötzlich in einem kleinen Ort übernachtet, den man niemals gezielt besucht hätte und sich in ihn verliebt. Und beim Trampen mit Menschen in Kontakt kommt, die man so vielleicht nicht angesprochen hätte. Auch beim Trampen tun wir uns immer wieder schwer, nicht in Muster zu verfallen, und nur Leute anzusprechen, die für uns nach potenziellen Lifts aussehen. Sondern wirklich jeden zu fragen.
Und uns nicht bei einer Frau alleine zu denken, dass sie uns eh nicht mitnimmt, nur weil wir super selten bei Frauen mitfahren. Und auch nicht das Auto auszulassen, in dem bereits drei Leute sitzen. Vielleicht quetschen sie sich gerne mit uns und unserem Gepäck zusammen, weil es für sie selbstverständlich ist, Tramper mitzunehmen.
Und vielleicht hatte der ein bisschen grimmig guckende Mann in Anzug und teurem Auto auch nur einen schlechten Tag und freut sich über Abwechslung.
Wir wurden von vielen verschiedenen Menschen mitgenommen und sehr oft positiv überrascht und haben Einblicke bekommen, für die wir sehr dankbar sind.
Ein weiterer Grund für uns, dass wir uns für diesen Reisestil entschieden haben, ist, dass wir die Strecken begreifen wollen. Wenn man Stunden oder Tage in eine Richtung trampt und die Orte von der Karte plötzlich real werden und sie einem gar nicht mehr so fern erscheinen, wie anfangs auf der Karte. Würden wir mit den Flugzeug reisen, würden wir viele Änderungen nicht mitbekommen und den Weg, die Entfernungen, nicht annähernd begreifen. Es macht einen großen Unterschied, ob man nach dreizehn Stunden irgendwo landet und dann da ist, oder man nach zwei Wochen auf dem Meer ankommt. Obwohl das immer noch schnell war. Und auch wir plötzlich in Brasilien sind. Wir sind jetzt sehr gespannt, weil wir uns die nächsten Jahre in Amerika aufhalten werden. Und da wirklich kleine Änderungen mitbekommen, die sich nicht unbedingt an Landesgrenzen orientieren. Und dann irgendwann zurück nach Deutschland kommen, uns immer weiter annähern. Wir wollen vermeiden durch Flüge Regionen zu ‘überspringen’ und dadurch weniger zu Begreifen vom Kontinent, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern.
Und natürlich wollen wir auch nicht unnötig Fliegen, weil es sehr umweltschädlich ist. Und wir mussten uns schon oft ‘rechtfertigen’, dass Kreuzfahrtschiffe mindestens genauso schlimm sind. Und ja, das stimmt und uns ist es auch klar. Reisen ist für uns ein Luxus, den wir uns rausnehmen und gerade bei der Transatlantikfahrt haben wir uns lange und viele Gedanken gemacht, wie und ob wir es vor uns vertreten können so zu reisen. Und ja, können wir.
Beim Trampen nutzen wir eine Ressource, die da ist. Freie Sitzplätze in einem Auto. Die Strecke Stück für STück zurücklegend.
Für die Überfahrt war eine unsere Möglichkeiten das Segelschiff, d as wir uns nicht zugetraut haben. Es sind meistens mehrere Monate mit Menschen, mit denen man nicht zwingend auf einer Wellenlänge ist, auf sehr engem Raum. Wir wissen auch nicht, ob wir Seekrank werden würden. Haben beide keine Erfahrung auf offenem Meer zu segeln und wollten los und ankommen in Südamerika.
Wir haben auf dem Kreuzfahrtschiff oft die Ruhe vermisst, die man auf einem Segelschiff wahrscheinlich öfter hat. Begegnungen mit Tieren, die wir nicht machen konnten und einen unendlich weiten Sternenhimmel, den wir mit der Schiffsbeleuchtung so nicht gesehen haben. Und trotzdem war es gut, sich gegen das Segelschiff zu entscheiden.
Die Kreuzfahrt war eine Repositioning-Fahrt. Heißt, dass Schiff fährt einmal im Jahr von Europa nach Südamerika und im Frühjahr wieder zurück. Es wird da repariert und auch bei der Überfahrt wird an vielen Stellen rumgeschraubt, geschweißt und gestrichen. Für uns macht es einen großen und entscheidenden Unterschied, dass das Schiff nicht für Passagiere fährt, sondern die Transatlantikfahrt macht und auch Passagiere mitnimmt.
Mit dem Frachtschiff hätten wir auch diese Strecke machen können, es wäre aber deutlich teurer gewesen und ähnlich umweltschädlich. Wir machen natürlich einen CO2-Ausgleich, dass es aber den Ausstoß nicht ungeschehen macht, sondern an anderer Stelle hilft ist auch klar. Und natürlich wäre es am besten, gar nicht erst eine solche Menge an CO2 und Schadstoffen zu produzieren.
Wir hoffen eine weniger perverse Art zu finden, über den Pazifik zu kommen. Vielleicht ist es da möglich, bei einem Frachtschiff günstig mitzufahren oder mitzutrampen. Von europäischem Hafen war das nicht der Fall. Oder wir bekommen zum Beispiel in der Karibik die Chance segeln zu lernen und trauen uns so die Strecke zu. Unsere Abneigung gegen Kreuzfahrtschiffe haben diese zwei Wochen aufjedenfall verstärkt und auch wenn es spannend war, diese Art des Reisens zu erleben, wir werden probieren es zu vermeiden.

Erster Blick auf’s Schiff

Wir fahren morgens mit der Metro zum Hafengelände und laufen dann nochmal eine gute Stunde. Die Ankunft zum Schiff ist nicht für Fußgänger ausgelegt, die meisten nehmen ein Shuttle, 6€ pro Person sind uns zu viel. Ein anderes Paar sehen wir auch zu Fuß ankommen, man sieht das Schiff schon aus der Ferne, dann der Check-In.

Links ist unser Schiff


Wir mit Rucksack auf dem Rücken, fast alle anderen geben ihr Gepäck ab. Unsere Kabine 3001 ist ohne Fenster. Haben wir so gebucht, war die günstigste, und nicht weiter mitgedacht, das ‘kein Fenster’ auch gleichzeitig ‘kein Tageslicht’ heißt und nicht nur Luxus ist. Das Programm liegt auf dem gemachten Bett.
What shall I wear tonight?
Todays theme is: Casual
Gut, dafür sind wir ausgestattet.

Programm mit Tagesmotto
Verwirrendes Konzept mit den Programmen

Das Kreuzfahrtschiff hat Kapazität für 2700 Leute, an Bord sind 1000 Passagiere und 700 Crewmitglieder. Und uns ist es jetzt schon zu voll. Am ersten Tag sitzen wir am Deck ganz oben, schreiben Tagebuch, sind etwas sentimental, als wir ablegen, und plötzlich geht laute Partymusik an, das Animationsteam stürmt auf das Deck und fängt an in die Mikrofone zu schreien. Und wirklich viele Leute machen begeistert mit. Bier, Cocktails und Wein wird in großen Mengen ausgeschenkt. Wir wussten nicht, das neben dem Kreuzfahrtgast-Klischee auch sehr viele Saufgruppen an Bord sind. Und 300 digitale Nomaden, die sich hier zu einer Art Workshop-/Seminarwochen treffen. Mit einigen kommen wir wirklich gut klar, andere sind sehr weit weg von unserer Bubble. Aber dank ihnen senken wir den Altersdurchschnitt nicht so stark wie erwartet.

Party Party.
Lebkuchenstadt, Lebensmittelmüll.

Die Tage sind hier recht ähnlich. Wir stehen immer früher auf, alle paar Tage wird uns eine Stunde geschenkt. Viel Zeit im Café, viel Essen, viel lesen, schreiben und malen. Wenig Zeit für sich, wenig Ruhe, wenig Bewegung. Ab und zu Runde um Runde den eingezeichneten Jogging-Pfad spazieren.

Fahrstühle von Deck 3-7
Café

Alles in allem werden wir uns mit dem Konzept wohl nie anfreunden. Es ist witzig, nach ein paar Tagen Bekanntschaften zu haben, die jeden Morgen im Café sind. Und Carlos, einer der Kellner, gibt uns jeden Tag ein paar portugisische Sätze, wir helfen ihm dafür sein Deutsch zu verbessern. Trotzdem fühlen wir uns jeden Tag mehr eingeengt. Haben nichts zu tun und brauchen einfach ein bisschen Raum und Ruhe. Das gibt es aber hier nicht wirklich.
Als wir in Brasilien ankommen, endlich weg von den Menschen, zu denen wir nicht dazugehören wollen, fühlen wir uns befreit.

Endlich von Bord