Unsere Kleidung riecht nach Lagerfeuerrauch, als wir am nächsten Morgen im Zelt in diesem märchenhaft verwurzelten Wald aufwachen und zum ersten Mal bei Tageslicht das Gelände anschauen, auf dem in einem guten Monat das Psy-Festival Ressonar stattfinden soll.
Wir haben nach einem Ort gesucht, an dem wir länger bleiben können, arbeiten und die unendlich schöne Natur in der Nähe des Chapada Diamantina Nationalparks genießen. Anfangs sind wir zu fünft, zwei junge Frauen, die schon seit knapp zwei Wochen da sind und der Organisator der Veranstaltung.
Die ersten drei Tage gehen gemütlich los: Gelände kennen lernen, die Konstruktionen der letzten Saison abbauen, brauchbares Material einsammeln, sortieren und stapeln. Wir arbeiten vormittags ein paar Stunden und nachmittags, es ist wahnsinnig heiß. Der Fluss hinter dem Haus verschafft jeden Mittag Abkühlung.

Längstmögliche Abkühlung

Jeden Morgen auf dem Weg vom Wald, in dem unser Zelt steht, zu dem Haus, in dem Küche, Duschen und Internet sind, sehen wir die Bergketten, die das gesamte Areal umranden und den Blick vor dem kleinen Städtchen Piatã schützen. Jeden Tag in neuem Licht, aufs Neue wahnsinnig beeindruckend. Mal vor strahlend klarem, blauem Himmel von Vögeln umkreist, mal mit festgehangenen Wolken, mal komplett im Nebel verschwindende Berge. In die ersten Sonnenstrahlen getaucht oder am Abend in rot, orange, lila und gelb. Beeindruckende Sonnenuntergänge, die den Arbeitstag beenden, alle den Blick in den Himmel und von allen Seiten ein Nossa! – wow.

Jeden Tag ein anderer Blick
Verschwindende Sonne

Nachts schützen die Berge von dem wenigen elektrischen Licht und offenbaren einem so den beeindruckendsten und vollsten Sternenhimmel. Keine Wolke verdeckt auch nur ein Fleckchen Nachthimmel und man kann sich nicht vorstellen, wie noch mehr Sterne Platz haben könnten. Wir liegen auf den Wiesen, Gras und Bier machen die Runde.

Natürlich erkennt man nichts

Jeden Tag entdecken wir Insekten, Spinnen, Riesen-Raupen. Nachts leuchten Käfer, zum Sonnenauf- und -untergang ertönt ein Konzert von riesig überdimensionalen Singzikaden, die mit einem anschwellenden, mehrstimmigen ysssysssysssysss an die Tageszeit erinnern. Als wir es das erste Mal hören, liegen wir in den Hängematten und denken erst an den Beginn eines Technobeats, an Stromzäune oder elektrische Werkzeuge. Dann landet mit lautem Flügelschlag das handtellergroße Tier neben uns und startet mit seiner Musik. Gebannt beobachten wir es, dann schwirrt es schon wieder zum nächsten Baum. Sie passen sich gut ihrer Umgebung an, man sieht sie kaum, erschreckt sich eher, wenn eines der Tiere direkt neben dem Kopf zu singen anfängt oder aufgescheucht wegfliegt.

Ein Käfertier hält vom lesen ab
Ein sehr arroganter Käfer, den wir retten, stolziert davon
Eine nicht allzu große Schlange besetzt den Weg
Verschiedenste Ameisen arbeiten an ihren Behausungen
Ein Ameisenbau-Ei
Und ein Riesenraupentier, das man nicht anfassen darf

David arbeitet die ersten Wochen auf dem Gelände, baut zusammen mit immer mehr werdenden Helferïnnen die Konstruktionen für die späteren Essensstände. Aus Holz und Seilen werden die zum Großteil selbsttragenden Häuschen gebaut, später mit alten LKW-Planen regendicht abgedeckt. In dem Wald entstehen mit der Zeit Pfade, die Bühnen werden gebaut und Dekoration angebracht. Toiletten repariert und Duschen installiert, Wasserrohre zu den Quellen in den Berg verlegt und der Campingplatz von Gestrüpp befreit.

David beim Arbeiten
Die Konstruktionen wachsen
Fläche von Gestrüpp befreien
Nicht wirklich beim Arbeiten

Dreimal am Tag sammeln sich alle im Haus, morgens gibt es Cuzcuz, der brasilianische ist aus Mais zusammen mit Mango, Papaya, Bananen, Ananas und dazu Kaffee aus der Nachbarschaft. Ab und zu noch gekochte Süßkartoffeln mit Butter. Aber vor allem Kaffee. Ich bin die ersten zwei Wochen alleine in der Küche, kann mich komplett selbstständig organisieren und solange immer genug Kaffee da ist, funktionieren alle. Mittags und abends wird die ersten zwei Wochen irgendwas zusammen gewürfelt, mit der Zeit und immer mehr Brasilianern ändert sich die Küche etwas. Mittags gibt es immer Reis mit Bohnen und Farofa, geröstetem Maniokmehl. Dazu riesige Gemüsepfannen, Salate und Nudeln. Abends werden Reste aufgestockt und je nach Zeit und Lust noch mehr gekocht.

Klara in der Küche

Die Arbeitstage sind lang, zum Frühstück-Vorbereiten muss man spätestens um sechs in der Küche sein, danach direkt mit den weiteren Essensvorbereitungen anfangen, parallel immer Kaffee kochen und Obstplatten vorbereiten. Organisieren, was aus dem Supermarkt mitgebracht werden soll und wie viele Taschen Obst und Gemüse am Freitag Abend auf dem Markt gekauft werden müssen. Die Märkte in Brasilien, zumindest der in Piatã, sind anders als in Marokko, weniger laut, weniger hektisch. Man nimmt sich Zeit zum Kaffee Trinken, bespricht sich mit den Nachbarn über ausbleibenden Regen und kauft parallel für zwanzig Menschen Essen. Es ist günstig, oftmals gibt es noch eine Wassermelone, Kräuter oder Mango dazu und am Ende steht man mit untragbar vielen Taschen in einer Ecke und hofft, dass die Gruppe vorbei kommt, um die Einkäufe in das Auto zu schleppen.

Ein Teil der Einkäufe

Mit der Zeit werden es immer mehr Leute, wir sind irgendwann zu zweit in der Küche, die letzten eineinhalb Wochen kommt David auch noch dazu.
Normalerweise ist ein Koordinator der Freiwilligen da, der ein Auge auf frei Stunden und Tage hat. Dieses Mal ist das anders und wir arbeiten fast alle durch. Einen Monat mit zwei freien Tagen, nach Weihnachten und Neujahr, sonst den ganzen Tag mit dem Projekt beschäftigt. Ist natürlich so extrem nicht verlangt, ergibt sich aber und man verliert sich schnell in der Arbeit. Damit wir das Festival dann entspannt genießen können, nehmen wir uns die letzten drei Tage vor und die gesamte Zeit während des Festivals frei. Wir erholen uns im Waldschatten mit Kunst und Musik.

Gemeinsamer Ausflug zu einem (normalerweise großen) Wasserfall
Es tropft die Wand herunter

Es ist schockierend immer wieder, sowohl in Marokko als auch in Brasilien, festzustellen, was Wasser(mangel) für ein Problem ist. Nicht nur davon zu hören, sondern reale Auswirkungen mitzubekommen. Wir sprechen oft mit Menschen, Leuten, bei denen wir mitfahren aber auch Bauern, die wir besuchen, die uns erzählen, dass der Fluss nicht wieder kommt. Seit drei Jahren. Oder die Quelle das erste Mal nicht genug Wasser gibt. Der Regen ausgeblieben ist, die Ernte keinen Ertrag gibt und man nicht weiß, wie lange man noch bleiben kann. Uns werden in Marokko Gebiete gezeigt, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit belebt waren, wo ohne Wasser die Lebensgrundlage fehlt.
Auf dem Festival und die Wochen davor haben wir zum ersten Mal intensiv erlebt, was für direkten Einfluss es auf uns hat, wenn die Quellen austrocknen. Eigentlich kann man sich von drei Quellen im Berg versorgen, die genug Wasser geben, dieses Jahr aber nicht. Dadurch wird es normal, kein fließend Wasser zu haben, das ist neu für uns und bedeutet oftmals Stress.
Man kann die Dusche nicht verwenden, zum Glück aber regelmäßig in den Fluss springen. Der ist zwar auch deutlich niedriger, als er zu dieser Jahreszeit sein sollte, zum Schwimmen aber tief genug. Beim Aussteigen wird man zwar immer etwas schlammig, aber fühlt sich zumindest erfrischt. Mit unserer Alepposeife ist es auch nicht problematisch, Waschwasser in die Natur zu kippen. Trotzdem merkt man dem Fluss bald an, dass viele Leute sich und ihre Kleider regelmäßig drin waschen. Das wäre auch nicht so schlimm, wenn wir nicht auch dieses Wasser zum Kochen und Trinken verwenden müssten. Zu fünft mit ab und zu fließend Wasser ist es kaum ein Problem, das Wasser aus dem Fluss zu nutzen. Nach ein paar Tagen, in denen klar wird, dass wir die ‚Hauptquelle‘ so nicht nutzen können, verlegen wir eine Pumpe zum Fluss und nun kommt dieses Wasser aus den Hähnen. Wenn nicht gerade der Strom ausfällt oder eines der Rohre kaputt ist. Dann heißt es wieder alles in Eimer und Schüssel zu füllen und die zehn Minuten durch Gestrüpp zum Fluss und zurück zu tragen.
Nach ein paar Tagen kochen wir alles Wasser ab, trinken zu wenig, weil es nach dem recht neuen Metalltopf schmeckt und haben Angst, wie man die 1500-2000 Besucher mit Wasser für Duschen und zum Trinken versorgen soll. Jeden Tag singen wir Regenlieder, die leider auch nicht zuverlässig Wasser liefern.
Zwischen Weihnachten (was wir mit viel Essen und Lagerfeuer verbringen) und Neujahr (an dem Pizzaofen und Tanzfläche getestet werden) regnet es endlich. Anfangs nur nachts, später ganztags. Der Fluss füllt sich, manche der Quellen kann man verwenden und es werden neue Rohre und Tanks in die Berge verlegt, die während des Festivals, bei dem es zum Glück trocken bleibt, die Duschen füllen. Trinkwasser gibt es an allen Hähnen leider trotzdem nur am ersten Tag – danach kann man es sich nur noch an den Bars auffüllen lassen – und die Duschen funktionieren nur ein paar Stunden täglich.
Es ist wirklich faszinierend und ängstigend, wenn das Thema so allgegenwärtig ist und wahrscheinlich in den nächsten Jahren für uns, aber auch einfach weltweit immer präsenter wird. Wenn die erste Frage nicht ist, wie es einem geht, sondern ob Wasser da ist. Wie der Wetterbericht aussieht oder ob man lieber Nudeln kocht oder das Wasser trinkt. Für den begrenzten Zeitraum war es möglich, von Notlösung zu Notlösung zu leben und sich jeden Tag aufs Neue zu überlegen, wie man sich und alle anderen mit Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen versorgt. Längerfristig müssen andere Lösungen her. Wir sind gespannt, was wir in den nächsten Jahren in diese Richtung kennenlernen werden und später vielleicht selber nutzen.

Frühstück nur für uns

Unsere Zeit war nicht so erholsam wie gehofft, als wir einen Platz für einen langen Zeitraum gesucht hatten. Trotzdem haben wir viel mitgenommen. Länger Kontakt mit gleichen Menschen gehabt, einer Gruppe, die aus unterschiedlichsten Richtungen, Kulturen und mit verschiedenem Wissen an einem Projekt zusammen arbeitet und uns neue Einblicke ermöglicht. Und auch wenn wir uns untereinander vor allem auf Englisch unterhalten haben, umfassen unsere Portugiesisch-Kenntnisse jetzt auch neben Obst- und Gemüsenamen auch landestypische Werkzeuge.
Cavadeira (Lochspaten), enxada (Hacke) und facão (Machete).

Fliegenschwarm
Und nochmal ein Kolibri